Trauma – ein inflationärer Begriff?
- Michael Zerr
- 28. Juli 2025
- 5 Min. Lesezeit
Der Begriff „Trauma" war ursprünglich den Opfern extrem belastender Ereignisse vorbehalten – Krieg, Naturkatastrophen, Gewaltverbrechen. Heute hingegen erfahrt der Begriff eine Auswertung und wird für allerlei negative Erfahrungen verwendet. Bücher wie „Bin ich traumatisiert?“ von V. König werden zu Bestsellern, Podcasts erklären Prokrastination zur Traumafolge, und Beiträge auf TikTok mit dem Hashtag #Trauma erzielen mehrere Millionen Aufrufe.
Ursprünglich hielt der Begriff „Trauma" erst 1980 mit der Aufnahme der Posttraumatischen Belastungsstörung in das Diagnosesystem DSM Einzug in die offizielle Psychopathologie. Damals ging es darum anzuerkennen, dass bestimmte, äußere Ereignisse (z.B. Krieg, Folter, Naturkatastrophen) so überwältigend sein können, dass sie bei den meisten oder zumindest sehr vielen Menschen zu schweren seelischen Störungen führen können. Klassisch definierte man Trauma als „emotionale Reaktion auf ein lebensbedrohliches Ereignis“. Doch bei dieser engen Definition ist es nicht geblieben: Inzwischen wird auch alltägliches und chronisches Leid zum möglichen Trauma-auslöser erklärt. Besonders im Fokus steht dabei die (frühe) Kindheit: Vieles, was Eltern ihren Kindern antun oder unterlassen, gilt heute bei Laien (aber auch einigen Psycholog:innen) als „Trauma“. Diese semantische Ausweitung des Trauma-Begriffs in Psychologie und Gesellschaft wird kontrovers diskutiert. Kritiker warnen vor einer problematischen Inflation, die das ursprüngliche Konzept verwässert und zusätzliche Pathologie erzeugt. Andererseits betonen Befürworter, dass ein breiteres Traumaverständnis zu mehr Sensibilisierung und besserer Versorgung Betroffener führen kann.
Die Gefahr der Pathologisierung normaler Erfahrungen
Eine Hauptsorge ist, dass der inflationäre Gebrauch von des Trauma-Begriffs zur Pathologisierung normaler negativer Erfahrungen führt. Fachleute sprechen in diesem Zusammenhang von „Concept Creep“ – der schleichenden Bedeutungsausweitung stärungsbezogener Begriffe. Nick Haslam, der dieses Phänomen beschrieben hat, warnt, dass solche Ausweitungen zwar gut gemeint sein mögen, gleichzeitig aber riskieren, den alltäglichen Erfahrungsbereich zu pathologisieren. Wenn jeder Verlust und jede Enttäuschung im Nachhinein als „Trauma“ etikettiert werden, besteht die Gefahr, eine Haltung der Opferidentität zu fördern, in der man zwar moralisch im Recht ist („virtuous victimhood“), sich aber zugleich ohnmächtig fühlt. Mit anderen Worten: Ein zu großzügiger Trauma-Begriff könnte Menschen ermutigen, sich in einer leidenden Opferrolle einzurichten, anstatt Schwierigkeiten als Bestandteil des Lebens zu verstehen und diese aktiv zu bewältigen.
Tatsächlich beobachten manche Experten eine Tendenz, dass solch ein Trauma-Narrativ die menschliche Resilienz unterschätzt und dadurch untergräbt. Wenn jede Befindlichkeitsstörung monokausal auf ein „Indextrauma“ in der Vergangenheit zurückgeführt wird, tritt leicht aus dem Blick, dass Menschen auch erstaunliche Fähigkeiten zur Anpassung und Sinnfindung im Leid besitzen. Anstatt negativen Erfahrungen einen funktionalen Platz in der eigenen Biografie zu geben, läuft man Gefahr, sie als unumgängliche „seelische Narben" zu betrachten, die einen dauerhaft dysfunktional machen. Hinzu kommt, dass ernsthafte seelische Verletzungen banalisiert werden könnten. Der Psychologe Umut Özdemir kritisiert etwa, dass heute schon banalste Frustrationen im Alltagsleben als „Trauma“ bezeichnet werden. Mit anderen Worten: Übertreibung kippt in Entwertung. Indem wir jede schlechte Laune oder jeden Stress als Störung deklarieren, spielen wir das ganze Ausmaß echter Traumata herunter.
Gesellschaftliche Tendenzen
In westlichen Gesellschaften ist in den letzten Jahrzehnten ein Wandel der Kultur beobachtet worden, weg von stoischer Resilienz hin zu einer Betonung individueller Verletzlichkeit. Der Sozialanthropologe Derek Summerfield beispielsweise beschreibt, dass wir uns von einem Ethos der „Resilienz und Fassung“ hin zu einer Ära des „ausdrucksstarken, psychologisierten Individualismus“ entwickelt haben. Letzterer ist stark auf die Geltendmachung persönlicher Rechte und Befindlichkeiten fokussiert und geht einher mit einem Schwinden traditioneller Haltgeber. In dieser individualistischen Kultur liegt der Fokus vermehrt auf dem persönlichen Erleben von Unrecht und Leid. Viele fühlen sich „falsch behandelt“ und sensibilisiert für psychisches Ungemach, während zugleich kollektive Bewältigungsstrategien (u.a. Gemeinschaft, Glaube) an Bedeutung verlieren.
Damit verknüpft ist die Rolle der Selbstdarstellung in Zeiten der sozialen Medien. Persönliche Lebensgeschichten – gerade die dramatischen – werden heute häufig öffentlich geteilt. In einer Kultur, die Authentizität hochschätzt, kann das Teilen einer eigenen „Traumageschichte“ auch Teil der Selbstinszenierung sein. Die Opfererfahrung wird mitunter zu einer Art sozialer Währung, die Sympathie, Aufmerksamkeit und moralischen Status verschaffen kann. Einige Soziologen sprechen hier sogar von einer entstehenden „Opferkultur“, in der öffentliches Anerkanntsein zunehmend daran hängt, eine verletzliche, benachteiligte Identität vorweisen zu können. Dies geht Hand in Hand mit einer gewissen Norm, unangenehme Erfahrungen nicht still zu ertragen, sondern sichtbar zu machen – sei es aus Selbstschutz, Geltungsbedürfnis oder dem echten Wunsch nach Verständnis.
Eine weitere Strömung der Gegenwart ist die implizite Negierung des Unangenehmen. In unserer individualistischen Leistungsgesellschaft gilt Glück oft als Standard und Leiden als Abweichung. Ständig ist von „Wellness“ und „Selbstoptimierung" die Rede – da passen Scheitern, Trauer und Enttäuschung schlecht ins Bild. Wer sich schlecht fühlt, sucht nach einer Erklärung dafür – und findet sie womöglich in einer psychologischen Diagnose oder eben der Idee, „traumatisiert“ zu sein. So paradox es klingt: Indem wir Negatives in unserem Leben kaum noch als normalen Bestandteil akzeptieren, treiben wir die Dramatisierung und Pathologisierung solcher Erfahrungen voran.
Immunisierende Deutungsstrukturen
Ein wichtiger ideengeschichtlicher Treiber der Ausweitung pathologischer Kategorien ist die Tradition der Tiefenpsychologie, allen voran die Psychoanalyse. Freud und seine Nachfolger maßen frühen Kindheitserlebnissen – einschließlich traumatischer – eine zentrale Bedeutung für die gesamte spätere Psyche bei. Viele psychische Probleme wurden und werden in diesem Paradigma auf verborgene seelische Wunden zurückgeführt. Dieses Denkmodell hat die Vorstellung geprägt, dass „irgendetwas Schlimmes in der Kindheit“ hinter nahezu jedem Erwachsenenproblem stecken kann oder sogar muss (neurobiologische Theorien gab es damals noch nicht). So entsteht leicht ein Deutungsmuster, in dem die Vergangenheit im Elternhaus zur allmächtigen Ursache für die Zukunft stilisiert wird – im heutigen populärpsychologischen Verständnis geradezu in jedem Fall traumatisch, wie Thorsten Padberg kritisch anmerkt. Diese Deutung hat eine bequeme Eigenschaft: ihre Unwiderlegbarkeit. Denn für fast jeden menschlichen Makel lässt sich irgendeine potenzielle Kränkung in der Kindheit ausfindig machen. Und selbst wenn Betroffene von sich aus sagen, sie hätten keine traumatischen Ereignisse erlebt, kennt die Tiefenpsychologie eine passende Erklärung: Verleugnung oder Verdrängung.
Tatsächlich wird an der Psychoanalyse schon seit Jahrzehnten kritisiert, dass sie massiv zu solch einer Selbstreferenz, und damit Immunisierung, neigt. Lehnt ein Klient die Deutung des Analytikers ab, so wird genau dies als Abwehr und Widerstand gedeutet. Mit anderen Worten: Die Verneinung eines traumatischen Ereignisses wird einfach als Abwehr gedeutet. Solche tiefenpsychologischen Deutungsmuster tragen zur Ausweitung des Trauma-Begriffs bei, indem sie ihn entgrenzen. Am Ende kann nahezu jedes psychische Unwohlsein als Spätfolge irgendeiner (zur Not imaginären) frühen Verwundung betrachtet werden.
Was hat die Wissenschaft zu sagen?
Einzelne Psychoanalytiker (z. B. Wolfgang Mertens, Patrick Meurs) mahnen zur theoretischen Selbstbeschränkung und warnen vor einer Überdehnung psychoanalytischer Konzepte. Diese Stimmen bleiben jedoch vereinzelt und haben keine dominierende Wirkung.
Gegenstimmen kommen v.a. aus dem Bereich der empirischen (auf wissenschaftliche Daten und Erfahrung stützenden) Psychologie. Die Kognitive Verhaltenstherapie (KVT) beispielsweise erkennt selbstverständlich an, dass viele Menschen subjektiv schwere Belastungen erleben – lehnt aber ab, daraus vorschnell eine traumatische Erfahrungen oder daraus resultierende Erkrankungen abzuleiten, wenn die derzeit geltenden diagnostischen Kriterien nicht erfüllt sind. Sie warnt explizit davor, alltägliche Belastungen oder Lebenskrisen zu pathologisieren (etwa Trennungen, Jobverlust oder Erziehungskonflikte), wenn keine klinisch signifikante Funktionsbeeinträchtigung vorliegt. So warnen Margraf und Schneider: „Die inflationäre Verwendung des Begriffs ‚Trauma‘ kann dazu führen, dass Patienten fälschlich glauben, dauerhaft geschädigt zu sein, was die Selbstwirksamkeit untergräbt.“
Die empirische Psychologie empfiehlt stattdessen die Förderung eines realistischen Selbstbildes sowie die Vermittlung von Resilienz und Selbstwirksamkeit. Eine Therapie sollte nur bei Leidensdruck sowie Funktionseinbußen (z. B. Alltag, Arbeit, soziale Kontakte) eingeleitet werden. Eine dogmatische „Aufdeckung“ oder biografische Rekonstruktion kann im Zweifel mehr Schaden anrichten als Helfen. Hoyer und Margraf raten: „Nicht jede negative Kindheitserfahrung ist behandlungsbedürftig. Der Fokus der Kognitiven Verhaltenstherapie liegt auf dem, was aktuell aufrechterhaltend wirkt – nicht auf spekulativen Ursachenzuschreibungen.“
Links
Wissenschaftliche Leitlinie (Behandler-Version): https://register.awmf.org/assets/guidelines/155-001l_S3_Posttraumatische_Belastungsstoerung_2020-02_1.pdf

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